Interview mit Katrin Eisfeld: Die Grenzen des Homeschooling

Seit mittlerweile sechs Wochen werden die meisten Grundschüler zu Hause von ihren Eltern unterrichtet. Für viele Familien wird sich daran auch in den kommenden Wochen kaum etwas ändern. Ich habe zum Thema Homeschooling mit der Südharzer Pädagogin Katrin Eisfeld gesprochen  und warum Homeschooling unter jetzigen Bedingungen eigentlich nur schief gehen kann...

Welches Feedback bekommst du zum Thema Homeschooling von den Familien, die du bisher betreut hast?

Katrin Eisfeld: Bei vielen Familien ist die Luft nach sechs Wochen einfach raus. Ich weiß von einigen meiner Eltern, dass sich die Kinder mittlerweile verweigern, weiter jeden Tag Aufgaben zu machen. Zu Hause lernen nervt viele Kinder einfach nur noch.

Katrin Eisfeld arbeitetet als Lerntherapeutin. Foto: Luisa Schumann

Machen die Eltern etwas falsch? Oder sind die Kinder nicht gut erzogen?

Weder noch. Die Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht. Familienleben hat ganz andere Strukturen als Schule. Das Familienleben besteht aus gemeinsamen Spielen, gemeinsamen Mahlzeiten, kochen, saubermachen, Freizeit und vielem anderen. Jetzt ist der Alltag für die meisten Familien ein anderer. Viele Eltern gehen arbeiten oder aber sitzen im Homeoffice. Sie sind dann zwar zu Hause, haben aber keine Zeit, mit den Kindern zu lernen oder zu spielen. Das frustriert beide Seiten. Trotzdem ist es auch vielen Eltern gelungen, zu Hause Rituale und Routinen für das Lernen zu entwickeln. Aber es ist jeden Tag aufs Neue ein Kraftaufwand, diese durchzusetzen. Dazu ist auf beiden Seiten eine Disziplin erforderlich.     

Unter welchen Bedingungen kann Homeschooling funktionieren?

In Deutschland ist Homeschooling eigentlich verboten, nur in wenigen Ausnahmen dürfen Kinder zu Hause beschult werden. Früher gab es den Hausunterricht bei besonders begüterten Familien, Gelehrten oder in der Kirche. Die Schulpflicht wurde eingeführt, um eine Bildungsgerechtigkeit für Kinder aus bildungsfernen Schichten zu ermöglichen. Ein zweiter Aspekt kam dazu: Der Staat konnte die Inhalte des Unterrichts beeinflussen. 

Heute sieht es ein bisschen anders aus. Eine Studie aus den USA zeigt, dass „Freilerner“ deutlich bessere Leistungen in den Abschlussprüfungen erbringen. Dafür müssen jedoch die Rahmenbedingungen stimmen. Ein Elternteil sollte sich nur dieser Aufgabe widmen können. Eine geeignete Lernumgebung muss vorhanden sein, ein Schreibtisch, Computer, Scanner und Drucker. Altersgemischtes Lernen mit anderen Kindern oder mit den Geschwistern bietet einen sozialen Rahmen und ermöglicht Interaktionen. Kinder dürfen nicht vereinsamen. Das Lernen braucht feste Zeiten im Tagesablauf. Grundlegend für Homeschooling ist eine ganzheitliche Sicht auf das Lernen: alles ist Lernen!     

Viele Eltern geben ihr Bestes. Aber woran liegt es nun, dass vielen Kindern das Zuhauselernen trotzdem keinen Spaß macht?

In Deutschland ist das Lernen an die Institution Schule gebunden. Unsere Kinder sind an das institutionelle Lernen gewöhnt. Sie brauchen diese Rahmenbedingungen, um sich darauf einzulassen. Auch sind Eltern keine Hauslehrer. Es fehlt ihnen das Fachwissen und die Kompetenz eines Lehrers. 

Schule ist aber weit mehr als eine Lerninstitution. Für die meisten Kinder ist es auch der Ort, an dem sie ihre Freunde treffen können...

Ja, ein wichtiger Aspekt für das Lernen ist die Gemeinschaft. Kinder brauchen eine Bezugsgruppe, andere Kinder. Sie wollen sich vergleichen, sich messen und in Wettbewerb mit anderen gehen. Kinder lernen viel durch Imitation. Kinder brauchen beim Lernen Interaktionen. Partner- und Gruppenarbeitsformen sind zu Hause nicht umsetzbar. Ich glaube, dass die Kraft der Kinder nach dieser langen Zeit nachlässt, sie vereinsamen.

Lehrer erfahren in Deutschland mitunter wenig Wertschätzung. Mittlerweile merken aber viele Eltern, wie viel Lehrer leisten…

Der Lehrer ist eine wichtige Person im Leben eines Grundschulkindes. Er erklärt, zeigt, lobt, gibt Feedback, aber ermahnt auch und korrigiert. Der Grundschullehrer ist geduldig und freundlich. Er hat Zeit für das Lernen und er nimmt sich Zeit für die Herausforderungen beim Lernen. Mama oder Papa können keinen Lehrer ersetzen. Die Rollenverteilung ist einfach eine andere. Lernen braucht Beziehung. Die wichtigste Beziehung in der Grundschule ist die zum Lehrer. 

Jeder Lehrer verfügt über ein didaktisch-methodisches Handwerkszeug, das strukturiertes und systematisches Vorgehen ermöglicht. Dazu gehören u.a. kleine Lehrervorträge, das Vormachen an der Tafel, Unterrichtsgespräche mit Fragen und Problemstellungen, projektorientiertes Lernen und Forschen. Nun ist aber der Handlungsspielraum der Lehrer meist auf Kopiervorlagen und Arbeitshefte reduziert. Das kann nicht funktionieren.

Warum?

Das Lernen mit Arbeitsblättern regt nicht zum Denken an. Kinder füllen nur die Lücken aus, aber sie lernen nichts dazu. Dessen muss man sich bewusst sein. Sie können allenfalls das bereits Gelernte festigen und sichern. Nicht mehr und nicht weniger.

Um wen machst du dir am meisten Sorgen?

Um die 4. Klassen, die den Übergang in die weiterführende Schule bewältigen müssen. Aber auch die Erstklässler werden in die 2. Klasse kommen, ohne sicher alle Buchstaben und Buchstabenverbindungen zu beherrschen. Leseschwierigkeiten sind vorprogrammiert. Der Zahlenraum bis 20 und das Rechnen bis 20 werden nicht gut gefestigt sein. Auch hier sind Probleme vorprogrammiert.

Bis zu den Sommerferien ist ein normaler Unterricht für den Großteil der Kinder kaum vorstellbar. Sollte unter diesen Umständen das Schuljahr noch einmal wiederholt werden?

Ich wäre auf jeden Fall dafür. Ich würde allen Eltern von Kindern mit Lernschwierigkeiten dazu raten, das Schuljahr wiederholen zu lassen. Der Stoff von so einem langen Zeitraum kann unmöglich aufgeholt werden. Die Eltern sollten die Schlüsselkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen absichern und zur Not die Großeltern mit einspannen. Ich empfehle den Familien dringend, die Verantwortung für das Lernen zu übernehmen.

Hast Du ein paar Tipps für Eltern und Kinder, wie das Zuhauselernen in den Familien einigermaßen stressfrei organisiert werden kann?

Das Wichtigste sind Routinen, feste Strukturen und geeignete Zeiten für das Lernen. Morgens lernt es sich besser als am Nachmittag. Also: Pünktlich aufstehen,  eine Stunde Mathe- und eine Stunde Deutschunterricht vor dem Mittag! Ein Wecker kann die Schulklingel ersetzen. Heimat- und Sachkunde passt gut in den Nachmittag. Das laute Lesen von interessanten Büchern vor dem Schlafengehen ist Pflicht. Das Kind übt, ohne es zu merken.

Ich könnte mir auch vorstellen, dass eine Arbeitsteilung gut klappt. Mama kann besser rechnen, sie ist die Mathelehrerin. Papa war in Deutsch gut. Mit ihm wird gelesen und geschrieben. Opa und Oma könnten die anderen Fächer übernehmen. Jede Familie muss ihre eigenen Lösungen finden.

Was sind Eure Erfahrungen zum Zuhauselernen in den vergangenen Wochen? Berichtet mir doch davon in den Kommentaren.

Katrin Eisfeld ist Grundschul- und Sonderpädagogin und arbeitet auch als Lerntherapeutin. In ihrer Lernwerkstatt „Zielsicherlernen“ bietet sie Kindern, Eltern und Pädagogen ein pädagogisches, theoriegeleitetes Konzept zur Prävention von Lernschwierigkeiten in der Grundschule an. Mehr über Katrin und zum Thema Homeschooling erfahrt ihr auf ihrer Seite unter www.zielsicherlernen.de

Weiterführende Links zu Thema Hausunterricht


Tipps der Lehrergewerkschaft GEW

https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/mit-diesen-10-tipps-klappt-das-lernen-zu-hause/

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