Warum ich keinen Gender* nutze

Liebe Südharz-Blog-Leserinnen, liebe Südharz-Blog-Leser,

sprachliche Gleichberechtigung ist mir wichtig. Das Thema treibt mich derzeit sogar um.

Ja, ich habe es auch schon gemacht: gegendert. Unreflektiert, weil es ja momentan irgendwie alle machen. Es gibt sogar zwei Texte auf diesem Blog, in denen ich gendere. Gegenwärtig wird ja selbst in den öffentlich-rechtlichen Medien sehr viel gegendert – meist mit dem Asterisk (*). Durch die Schreibweise mit dem Sternchen sollen sich Frauen, Männer und alle Menschen, die sich anders bezeichnen, angesprochen fühlen. Die weibliche Form wird von der männlichen Form abgetrennt, beispielsweise Verkäufer*in oder Sammler*innen. Das heißt, dass hier sowohl männliche, weibliche und diverse Verkaufende oder Sammelnde und alle anderen Menschen gemeint sind, die sich diesen Geschlechtern nicht zugehörig fühlen.

Soweit so gut. Ich verstehe den Ansatz und ich verstehe auch, was die Befürworter des Genderns mit * erreichen wollen. Und auch ich bin absolut für eine geschlechtergerechte Sprache.

Doch als aufmerksame Sprachbeobachterin (ja, ich habe mal Sprachwissenschaften studiert) habe ich mich mit dem Gender* noch einmal etwas intensiver auseinandergesetzt. Auch, weil mir in den sozialen Medien immer wildere Wortbildungen auffallen: Gendern scheint Grammatik auszublenden.

Gendern mit * hat seine/ihre Tücken (Späßchen). In vielen Fällen entstehen grammatikalisch falsche Wörter, meist wird die männliche Endung einfach weggelassen. Und nein, die männliche Endung steckt auch nicht in *innen. Ein paar Beispiele:

  • Schott*innen habe ich letztens irgendwo gelesen. Die männlichen Bewohner Schottlands heißen aber immer noch Schotten und nicht Schott. Wenn schon, dann Schotten*innen.
  • Die Friseur*innen öffen wieder: Diese Schlagzeile stand so tatsächlich auf einer Instagramseite eines Nachrichtenportals, als die Friseure nach dem Lockdown wieder öffnen durften.
  • Ärzt*innenpraxis habe ich auf einer Wahlwerbung gelesen: Selbst Oberbegriffe werden mittlerweile gegendert, die sich überhaupt nicht auf spezielle Personen beziehen. Es geht ja lediglich um die Institution/Einrichtung Arztpraxis. Und die Praxis ist weder männlich, weiblich oder divers.
  • Gender*ist nicht zu hören:

Mein Hauptargument gegen Gendern mit* ist, dass es die Sprache überhaupt nicht gleichberechtigter macht. Insbesondere in der gesprochenen Sprache bleibt beim Gendern mit* nur noch die weibliche Form in den Ohren.


Häufige Fehler bei Gendern mit*

  • Umlautungen bei männlicher und weiblicher Form:

Ärzt*in geht nicht, weil der Arzt, aber die Ärztin

Bauer*in  geht nicht, weil  der Bauer, aber die Bäuerin

  • Unterschiedliche Flexionsendungen für männliche und weibliche Formen:

Kolleg*innen geht nicht, weil Kollegen und Kolleginnen

Ärzt*innen, geht nicht weil Ärzte und Ärztinnen

den Schüler*innen geht nicht, weil den Schülern und den Schülerinnen

  • Zusammengesetzte Wörter:

Ministerpräsident*innenkonferenz geht nicht, weil Ministerpräsidentenkonferenz das grammatikalisch richtige Wort ist. Also wenn dann Ministerpräsidenten*innenkonferenz. Besser: Konferenz der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten

  • Problematisch finde ich außerdem, dass Gendern mit * überhaupt nicht rechtschreibkonform ist, es trotzdem in den Medien so häufig verwendet wird. Es entsteht eine regelrechte Schreiblücke zwischen der Sprache in den Medien und der Sprache, die die Kinder in der Schule lernen und die dort auch benotet wird.
  • Problematisch finde ich außerdem, dass wir Menschen beim Gendern nur noch auf unser Geschlecht reduziert werden. Aber genau das sollte doch gar keine Rolle mehr spielen…

Auf dem Südharz-Blog bleibt es bei der Paarformel

Mit der Einführung des dritten Geschlechts (divers) Ende 2018 hat die Debatte um geschlechtergerechte Sprache eine neue öffentliche Präsenz erhalten.

Da es für das dritte Geschlecht jedoch bislang weder eindeutige Bezeichnungen (beispielsweise der Arzt, die Ärztin, divers?) noch adäquate Pronomen, Anrede- oder Flexionsformen gibt, kann dieses Geschlecht sprachlich (noch) nicht dargestellt werden.

Ich habe für mich deshalb entschieden, dass ich auf dem Südharz-Blog in meinen Texten, sofern erforderlich, immer die weibliche und männliche Form verwenden werden. Mit dieser Entscheidung orientiere ich mich an den Vorgaben der Gesellschaft für deutsche Sprache. Die hat in ihren Standpunkten sehr gut erläutert, welche Formen wir nutzen sollten und welche eher nicht.

Ich nutze die allgemeingebräuchliche Paarformel/Doppelnennung. Das heißt, beide Geschlechter werden explizit und unabgekürzt genannt: Leserinnen und Leser, Schülerinnen und Schüler, Bäuerinnen und Bauern, Kundinnen und Kunden. Das ist eindeutig und grammatikalisch richtig. Auch in den Duden hat es das Gender* unter anderem aus oben genannten Gründen noch nicht geschafft.

Welche Schreibweisen die Gesellschaft für deutsche Sprache darüber hinaus noch empfiehlt, könnt ihr nachlesen, falls es euch interessiert.

Ich bin übrigens der Meinung, dass Sprache nie alle Menschen in ihren individuellen Ausprägungen befriedigend abbilden kann und wird. Das ist ein Ideal.

Und noch eine Überlegung zum generischen Maskulinum

„Weil wir alle verschieden sind, sind wir alle gleich.“ Dieser Spruch steht in Nordhausen am integrativen Kindergarten Ida Vogeler Seele…Umso länger ich über diesen Spruch nachdenke, umso mehr reift in mir die Überzeugung, dass geschlechtsspezifische sprachliche Unterschiede genau dieser Annahme widersprechen. Wenn wir also alle gleich sind, weil wir so verschieden sind, spricht das dann nicht eher auch dafür, dass wir in der Sprache auf Unterscheidungen verzichten? Sollte nicht ein Wort für uns alle gelten?

Spricht das also doch für das generische Maskulinum, das in unserer Grammatik so tief verwurzelt ist? Heißt, die männliche Form eines Wortes wird geschlechtsneutral gebraucht und hat gar keinen Bezug zum natürlichen Geschlecht. Der Bäcker oder der Autor ist also weder auf männlich oder weiblich noch auf inter, trans, queer und so weiter fixierbar. Dann wäre durch das generische Maskulinum auch niemand diskriminiert, gleichgültig, welche Geschlechtsidentität er/sie/es persönlich hat.

Wie seht ihr das? Schreibt mir dazu gern eine E-Mail an susanne.schedwill@gmx.de.