Wie eine Künstlerin an den Bergbau erinnern will

Das Stück Kernseife, das an den Duft des Vaters erinnert, wenn er aus der Frühschicht nach Hause kam. Das rote Brigadierzeugnis mit dem goldenen Hammer- und Zirkelemblem. Oder der Orden mit der Auszeichnung „Verdienter Bergmann“.

Essensmarken für das kostenlose Nachtschichtessen füllen ein Fach im Setzkasten. Foto: Matthias Ritzmann

Rund 40 kleinere und größere Dinge wie diese, können sich Besucher des Bergbaumuseums Röhrigschacht in Wettelrode seit Mitte November in einem riesigen Setzkasten anschauen. Die hallesche Künstlerin Nora Mona Bach hatte dazu die Idee und nennt den Setzkasten das „Gedächtnis der Heimat“. Er enthält eine Sammlung von Dingen, die das Erbe der Bergbauregion in Mansfeld-Südharz als kollektive Erinnerung bewahrt.

Keine Sammelfiguren sondern Dinge, die eng verbunden mit dem Berbau und den Menschen der Südharzregion sind, stehen im Setzkasten der Heimat. Foto: Maik Schumann

Der Setzkasten ist nur ein Teil der Arbeit Bachs und ihrer Ausstellung „Vom tiefen Grund. Reflexionen über den Bergbau“, die noch bis 13. Februar kommenden Jahres in Wettelrode über Tage zu sehen ist. Im Rahmen eines Heimatstipendiums der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt haben die 1988 geborene Bach und das Bergbaumuseum Röhrigschacht zueinandergefunden.

Malereien und Grafiken aus feiner Lette und Kohle

Bergbau – ein Thema, das die gebürtige Erzgebirglerin zeitlebens beschäftigt. Denn ihr Großvater hat als Bergmann bei Freiberg in Sachsen viele Jahrzehnte unter Tage gearbeitet.

Viele Worte habe er zeitlebens über seine schwere Arbeit nie verloren, berichtet die Künstlerin. Als ihr „Opi“ dann, wie sie sagt, im Dezember vergangenen Jahres verstarb und mit ihm all seine Geschichten, wollte sie ihm und seiner Arbeit nachspüren.

Sie durchstrich die zahlreichen Halden im Mansfeldischen. Folgte ihrem Großvater unter Tage. Als sie hochschwanger mit ihrem zweiten Kind in Wettelrode nicht mehr einfahren konnte, ließ sie sich von Gästeführer Thomas Wäsche aus 250 Metern Tiefe mehrere Eimer voll Kupferschieferflöz bringen.

Mit der weichen Masse, die  „Feine Lette“ heißt und tiefschwarz ist, erschuf sie in ihrem Atelier in Halle Malereien und Grafiken, versuchte die Mansfelder Landschaft, die Seele der harten Bergbauarbeit aufs Papier zu bringen. Entstanden sind groß- und kleinformatige Arbeiten. Einige davon sind in der Ausstellung zu sehen.

Bach fertigte aber nicht nur Bilder, sie kreierte aus kleineren Kupferschiefer- oder Schlackestücken auch Schmuck: Fünf Ringe, die ebenfalls in Wettelrode ausgestellt sind. Für die Dauer der Ausstellung hat sie außerdem ein symboliches Atelier unter Tage eingerichtet.  

Für die Dauer der Ausstellung hat Nora Mona Bach ein symbolisches Atelier unter Tage eingerichtet. Foto: Matthias Ritzmann

 „Ich weiß nicht, ob mein Opa verstehen würde, warum ich das tue“, sagt Nora Mona Bach. Ihr ginge es vor allem um Wertschätzung dieser harten Arbeit unter Tage und sich dieser künstlerisch zu nähern. „Und um etwas besser zu verstehen, warum mein Opa war, wie war“, sagt sie.  Ruhig und schweigsam war der Bergmann zeitlebens.

 „Jedes Ding ist Anlass für eine Geschichte. Jede Geschichte hilft gegen das Vergessen.“

Nora Mona Bach

Das Heimatstipendium endet jetzt im November. Doch der Kontakt nach Wettelrode wird dadurch nicht abreißen. „Mit der Präsentation meiner Arbeiten und dem direkten Kontakt mit den Menschen hier in der Region ist in mir noch einmal was losgegangen“, beschreibt sie.

Da ist zum einen der Setzkasten der Heimat, den sie weiter mit Exponaten und den dazugehörigen Geschichten befüllen möchte und der auch nach Ende ihrer Ausstellung Teil der Dauerausstellung bleiben wird. Bach: „Es sind noch ein paar Fächer frei.“

Nora Mona Bach während der Eröffnung ihrer Ausstellung „Vom tiefen Grund. Eine Reflexion des Bergbaus“ im Bergbaumuseum in Wettelrode. Foto: Matthias Ritzmann

Den Sammelkasten präsentiert sie auch auf dem Socialmedia-Account Instagram und erreicht darüber eine viel größere Zielgruppe. „Über Instagram haben sich viele aus dem Ruhrpott gemeldet“, berichtet sie. Der Bergbau habe etwas über die Region hinaus Verbindendes, ist sich die Künstlerin sicher.

Zum anderen plant Nora Mona Bach zum Barbaratag am 3. Dezember in Wettelrode einen Aktionstag mit Kindern. Wettelrode und der Röhrigschacht in seinem 150. Jahr werden sie also auch in der kommenden Zeit nicht loslassen. „Es geht noch ein Stück weiter“, freut sich die Künstlerin.  

Ihr könnt den Setzkasten noch füllen

Wenn ihr Objekte und Erzählungen für den Setzkasten abgeben möchtet, könnt ihr dies direkt im Bergbaumuseum tun oder schickt es an Nora Mona Bach, Reideburger Straße 32, 06112 Halle (Saale).

Eingereicht werden können kleine Gegenstände (maximale Größe jeweils 15 x 15 x 15 cm, Ausnahmen auf Anfrage).

Teilt dazu eure Geschichte mit. Erinnert das Objekt an die Arbeit eurer Eltern, Großeltern? Welche Erinnerungen weckt es? Sind damit Kindheitserinnerungen, Geräusche oder Gefühle verbunden? Wie wurdet ihr und eure Familie von der hiesigen Landschaft und Traditionen geprägt?

Der Setzkasten auf Instagram: https://www.instagram.com/gedaechtnis_der_heimat

Die Ausstellung „Vom tiefen Grund. Eine Reflexion des Bergbaus“ wird bis
zum 13. Februar 2022 gezeigt. Die Öffnungszeiten des Bergbaumuseums Rörigschacht in Wettelrode sind Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr.

Hier wird’s transparent: Dieser Text ist von mir und zuerst als redaktioneller Beitrag in der Mitteldeutschen Zeitung erschienen. Die Fotos haben mir Maik Schumann und Matthias Ritzmann zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür!

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